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Amann
Jürg Amann
«Die Briefe der Puppe»


Berlin 1923, Franz Kafka auf seinem täglichen Spaziergang im Steglitzer Park. Ein kleines Mädchen sitzt auf einer Bank und weint – sie hat ihre Puppe verloren, vor einigen Tagen schon.

Wie Kafka das Mädchen tröstete, hat später seine Freundin Dora Diamant überliefert: Er kenne die Puppe, habe Kafka gesagt, sie sei verreist, habe ihm zuvor aber versprochen, Briefe von der Reise zu schreiben. Ein erster sei schon eingetroffen, und wenn das Mädchen morgen wieder in den Park kommen wolle, werde er ihr den Brief vorlesen.

Diese Briefe, die bislang verschollen waren, sind auf wunderliche Weise bei Jürg Amann aufgetaucht, der sie in seinem neuen Buch vorlegt. Es sind insgesamt 13 Schreiben, in denen die abenteuerlichen Wege der Puppe nachverfolgt werden können: Sie gelangt zunächst nach Prag, dann nach Wien und Kierling, ehe sich ihre Wege in der Schweiz verlieren. Es begegnen ihr allerlei Menschen, die einem bisweilen merkwürdig bekannt vorkommen, andere wieder tauchen als ein Rätsel auf und verschwinden unerkannt.

Wird hier ein Vexierspiel getrieben? Amanns Trouvaille ist in jedem Fall ein Kabinettstück der besonderen Art – charmant und hintersinnig zugleich.

«Du wirst das später auch wollen: fort von da, wo Du herkommst. Weg. In die Welt hinaus. Oder hinein. Je nachdem, wie man es sehen will. Alles hinter Dir lassen, was einmal gewesen ist. Auch wenn es noch so gut gewesen ist.
Und auch wenn Du es nicht willst, wirst Du es müssen. Wir alle müssen das, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und das ist gut so. Damit wir nicht versauern. Damit wir nicht schon zu Lebzeiten tot sind. Du wirst es auch einmal so sehen. Für mich war die Zeit jetzt gekommen.»


Zum Autor:
Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur, studierte Germanistik in Zürich und Berlin und promovierte mit einer Arbeit über Franz Kafka. Er arbeitete als Literaturkritiker und Dramaturg und ist seit 1976 freier Schriftsteller. Seine Texte wurden mit zahlreichen Preisen bedacht, u.a. mit dem Ingeborg Bachmann-, dem Conrad Ferdinand Meyer- und dem Schillerpreis. Wichtigste letzte Veröffentlichungen sind «Kafka», 2000; «Robert Walser. Eine literarische Biographie in Texten und Bildern», 2006; «Pekinger Passion», 2008; «Nichtsangst», 2008; «Die kalabrische Hochzeit», 2009; «Die Reise zum Horizont», 2010; «Das Märchen von der Welt», 2010; «Der Kommandant», 2010. Jürg Amann lebt in Zürich.

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