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Norbert Lüthy
“Durch das Zeitendickicht”
Gedichte

Schon der Titel des Bandes ist charakteristisch für die Gedichte von Norbert Lüthy: So unverschlüsselt er sich gibt, so implikationsreich erweist er sich beim zweiten Hinsehen. In einer Epoche, die sich am Ende der Geschichte wähnt, bildet ein Wort wie ‘Zeitendickicht‘ unversehens eine Antithese; dem Fortschrittsglauben, der uns geradlinig aus einer überblickbaren Gegenwart in eine verheißungsvolle Zukunft streben sieht, hält es eine ganz andere Sicht entgegen: Daß die Zeiten wie ein unentwirrbares Geflecht ineinander verwachsen sind – vielfach stärker bestimmt von den übersehenen Wurzeln der Vergangenheit, als das moderne Bewußtsein sich eingestehen will.

Und doch spricht der Titel des Bandes auch von etwas, was durch die Unentwirrbarkeit dieses Dickichts hindurchgeht oder –scheint, eine Spur, die wiedergefunden sein will und der die Gedichte nachgehen. Da ist vorab die Sprache selbst, in der all die alten Wunder noch leben, wenn man die Worte in ihrer geschichtlichen Tiefe zu lesen bereit ist – und nicht nur als Spielmünze einer medial überschwemmten Welt oder als blosse Informationspartikel, wie das digitale Zeitalter uns weismachen will. Neben die Gegenwart setzt ein Gedicht das Gegenwort, ohne daß damit allerdings etwas platt Thesenhaftes verbunden wäre.

Norbert Lüthys Texte sind vielmehr auf einen beiläufig gelassenen Ton gestimmt; meist gehen sie von etwas durchaus Unscheinbarem aus: von Momentbeobachtungen oder Reminiszenzen, von Gewohnheitssätzen oder Alltagsbegebenheiten. Doch jedesmal entfaltet sich darin etwas Überraschendes, manchmal Komisches, in jedem Fall Unvorhergesehenes.

Einsiedler der Sprache

Als von Sprachverrat
die Rede war
Und selbst die Kopfrechner
brotlos wurden
Da floh der Begriffsstutzige
aus der schlauen Welt
in die Wüste
Der Weg war nicht weit
und bald verklang
der Lärm der Zitate.



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