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Assall
Paul Assall

«Die zwei Augen der Seele»
Kulturhistorische Rundgänge um das Straßburger Münster

Mit einer Bauzeit von mehr als drei Jahrhunderten gehört das Straßburger Münster zu den epochalen Kirchenbauten des Abendlandes. Bis 1874 war sein Turm mit 142 m das höchste Gebäude der Menschheit. Die Geschichte und Bedeutung des Münsters ist seit Goethes emphatischer Schrift von 1772 vielfach erforscht und gewürdigt worden. Paul Assall geht in seiner Arbeit von einer bislang wenig beachteten Koinzidenz aus: Daß Meister Eckart während der Errichtung der berühmten Westfront des Münsters mehrere Jahre in Straßburg gewesen sein muß: «Ich sihe daz münster ane», heißt es in seiner 110. Predigt. Assall liest Eckart als Mittler zur Gegenwart, dessen revolutionäre Theologie des im Selbst wurzelnden Glaubens dem säkularen Individualisten der Moderne einen Weg zur religiösen Erfahrung des Mittelalters öffnen kann. Zugleich wird die Theologie Eckarts für Assall zu einem Schlüssel in der Begegnung mit der Kathedrale. Am ungewöhnlichen Figurenschmuck des Münsters, namentlich den Friesen der Süd- und Nordseite, sieht er die Divergenz zwischen einer obrigkeitlichen Kirche und dem erwachenden Selbstbewußtsein des mittelalterlichen Stadtbürgers thematisiert. So beschreitet Assall einen neuen Weg: Er tritt nicht ins Innere des Münsters ein, um der langen Kette kunsthistorischer Arbeiten eine weitere Beschreibung des Sakralraums hinzuzufügen. Statt dessen geht er um das Gebäude herum und deutet seine Außenhaut als Schnittstelle zwischen Weltlichkeit und Spiritualität, wie sie in vergleichbarer Konstellation noch heute von Belang ist. Detailliert beschreibt er die verschiedenen Figurengruppen der Bildwerke und legt in weitgreifenden geistesgeschichtlichen Exkursen die Analogien zum Selbst-Diskurs der Moderne frei. Dadurch gelingt ihm zweierlei: Nicht nur eine neue Sichtweise auf das Straßburger Münster zu eröffnen, sondern für den transzendental unbehausten Menschen der Moderne ein religiöSees Selbstsein in der Art des Meister Eckart wieder denkbar zu machen.


Zum Autor:
Paul Assall, geb. 1945 in Konstanz, Studium der Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte in München und Freiburg. Diplom-Volkswirt. Von 1970 bis 2007 Redakteur im Kulturprogramm des SWF/SWR für Zeitgenossen, Sachbuch und Feature. Arbeiten u.a. über Adam Smith, John Maynard Keynes, Paul Gauguin, Hieronymus Bosch, Joseph Beuys, Francis Bacon, Jan Vermeer, Yvan Goll, Pier Paolo Pasolini (zusammen mit Peter Kämmerer). Autor von «Juden im Elsaß» (1984). Zuletzt erschien: «Claude Vigée, le poète claudicant», 2011). Paul Assall lebt als freier Journalist und Maler in Sandweier bei Baden-Baden.

Erscheint im Februar 2012

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